Feigenwinter3_ARTE-Quartett

Hans Feigenwinter «Mandeln knackend»

Feigenwinter 3:
Hans Feigenwinter      Klavier, Komposition
Arno Troxler                 Schlagzeug
Wolfgang Zwiauer       E-Bass

ARTE Quartett             Saxophone

Welturaufführung im Rahmen der Festivitäten
«Carl Spitteler: 100 Jahre Literaturnobelpreis 1919–2019»

Nach dem erfolgreichen Projekt «Gang», welches 1998 zur Uraufführung kam und auf einer CD dokumentiert wurde, wird zwei Jahrzehnte später der Faden wird wieder aufgenommen und weitergesponnen.

Zwei Ensembles treffen sich. Unter neuen Vorzeichen.
Nach zahlreichen Kompositionen für das ARTE Quartett und zwei Alben von FEIGENWINTER 3, bilden die Mitglieder dieser zwei Ensembles erstmals ein gemeinsames, für eine zu gleichen Teilen von Improvisation und Komposition bestimmten Musik, die Bezug nimmt zur Romantik Carl Spittelers, dem einzigen Schweizer Schriftsteller, der den Nobelpreis für Literatur erhielt.

“Meine Kompositionen zu «An- und Einsichten Carl Spittelers» sind eine Sammlung von neun Stücken, die so auch in ihrer Aufeinanderfolge gedacht sind. Es ist Musik für ein instrumentales Septett, Musik, die Komponiertes und Improvisiertes gleichermassen integriert. Jazzmusik, ohne Programm, ohne Worte. Vergegenwärtige ich mir diesen Zyklus, komponiert anlässlich des hundertjährigen Jubiläums des Nobelpreises für Spitteler, so taucht eine gleichzeitig sehr einfache und heikle Frage auf: wie kann absolute Musik Bezug nehmen zum geschriebenen Wort? Kann sie es überhaupt? Wort und Musik können parallel nebeneinander laufen. Diese Parallelität kann sicher sehr inspirierend sein. Die Ambition einer direkten Vertonung eines Textes als reine Musik hat jedoch schnell einmal etwas Anmassendes; es ist eine Falle, in die ich nicht hineintappen wollte bei meiner Kompositionsarbeit.

Gerade jedoch über diesen Konflikt konnte ich in Spittelers «Extramundana», im Mythus (VII), einen Kommentar des Dichters lesen, der diesen Konflikt gleichzeitig erwähnt und sich darüber lustig macht, in dem er sich über das Problematische des Multimedialen an sich auslässt: Spitteler mokiert sich dort über die «Schlucker-Pfuscher», die ein Schauspiel erfinden, das für alle Sinne funktionieren soll, oder wie er es ausdrückt, «mit allen möglichen Organen» genossen werden kann. Solche Kunst bestehe bestenfalls aus ein paar «schlauen Pfiffen», sei ein «Gedankenquetschen», dass dann nur wenige «Geisteströpflein» zu Vorschein bringe.
Und hier sind wir schon mittendrin in Spittelers grandiosen Wortschöpfungen. Wortschöpfungen, die, wenn man sie heute googelt, entweder keine Treffer bringen, oder aber eben gleich auf Spitteler selbst verweisen: einen besseren Nachweis für Einzigartigkeit kann es kaum geben. Nebst Spöttischem wie dem «Schlucker- Pfuscher» oder auch der «heimatlichen Pfuscherbreite» finden sich auch das «Waagewiegen», der «Himmelsschulsaal», oder die «Fortschrittsschuhe». Spitteler macht auch bei sich selbst keinen Halt, als er für sich das Pseudonym «Carl Felix Tandem» erfindet. Diese Wortschöpfungen lassen sich bestens aus dem Zusammenhang herauslösen, und erhalten als Fragmente so ein ganz neues Leben, entfalten eine Mehrdeutigkeit und Kryptik, die jener der Musik sehr ähnlich ist.

Ein ganz anderer Aspekt in dieser Parallelität zwischen Wort und Musik ist Spittelers Biografie: sie ist voller Konflikte und (nur vermeintlicher?) Widersprüche: er begann Jura zu studieren, als ihm schon klar war, dass sein Interesse der Literatur galt. Als Atheist studierte er später Theologie, als Individuum litt er stärker als andere unter der «Masse». Sein Begriff der Liebe steht im zerreissenden Konflikt zwischen Vorstellung und Realität, und bezeichnenderweise entschied er sich dann lange für die Liebe der blossen Vorstellung. Eskapistisch ist womöglich auch sein Eintauchen in die antike Mythologie; in seiner Lyrik dieser sehr verpflichtet, tauchte er daraus plötzlich auf und äusserte sich kritisch zum politischen Zeitgeschehen.
Solche Konflikte können einesteils inspirierend sein für das Komponieren; sie sind bisweilen auch entlastend. Mehr als in früheren Zyklen integriere ich in dieser Sammlung zum teil sehr disparates Material, teils sogar im gleichen Stück; können sie alle auf so engem Raum bestehen? Ein Blick auf die parallel dazu verlaufende Spitteler-Strasse ermutigt mich.

Wie wahrscheinlich für die meisten meiner Generation bis vor einem Jahre weder vertraut mit der Person Spitteler noch mit seinem Werk, beeindruckt er mich als einer, der zahlreiche Konflikte durchlebt hat, dabei nicht der Illusion erlegen ist, sie lösen zu können, sondern sie vielmehr ausgehalten hat.
Besonders beeindruckt bin ich aber davon, dass er als Figur der Versöhnung auftritt in einer nationalistischen und kriegslüsterneren Zeit.
Und dann lasse ich mich von seinem «Zauberbleistift» in eine Welt des «Pupurflammenspiels» entführen, und sinniere darüber, was wohl «doppelsauer» alles bedeuten könnte.”
Hans Feigenwinter September 2019

Uraufführung: 31.10.2019, Kulturscheune, Liestal (CH)

Für Konzertanfragen schreiben Sie uns bitte ein Mail an
beatk@arte-quartett.com

Hans Feigenwinter «Mandeln knackend»

Feigenwinter 3:
Hans Feigenwinter      Piano, Composition
Arno Troxler                 Drums
Wolfgang Zwiauer       E-Bass

ARTE Quartett             Saxophones

More than twenty years after the successful project “Gang”, which had its world premiere in 1998 and was recorded on a CD, the thread is taken up again and spun on.

Two ensembles meet under new auspices.
They present a program that refers to the romanticism of Carl Spitteler.The music is equally determined by improvisation and composition. The agile Feigenwinter Trio plays around the precise, block-like sounds of the ARTE Quartet.

world premiere: 31.10.2019, Kulturscheune, Liestal (CH)

For concert requests please contact us at  beatk@arte-quartett.com